Was von den teuren Versprechungen der Öko-Häuser bleibt

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Nachhaltigkeit – Was von den teuren Versprechungen der Öko-Häuser bleibt
Welt/ Places, 3.1.2016, von Britta Nagel

Ökologisch und energieeffizient bauen — das klingt in den Hochglanzbroschüren der Anbieter nicht nur schön, es macht auch ein gutes Gewissen. Doch in der Praxis kann sich das als Flop erweisen.

Am Wochenende mussten Anja Scholze und ihre Familie in ihrem Haus in Hamburg frieren. Die elektronische Regelung ihres Gasbrenners, die die Architektin erst vor einem halben Jahr für 1000 Euro hatte installieren lassen, schaltete sich ab. „Erst am Montag hatten wir wieder heißes Wasser“, sagt die Ingenieurin, „nicht nur ich, auch der Störungsdienst des Herstellers war mit der Bedienung überfordert.“ Ein eigens aus Schwerin angereister Fachmann bekam das Problem in den Griff – und ließ sich den Dienst mit 350 Euro bezahlen.
Weil Scholze Erfahrungen wie diese mit immer mehr ihrer Bauherren teilt, rät sie inzwischen ganz von energiesparender Hightech ab: „Sie ist zu teuer und zu kompliziert“. Die meisten Investitionen amortisierten sich zudem erst nach Jahren, und nur besonders technikaffine Bauherren seien in der Lage, die komplexen Anlagen zu handhaben.
Nicht nur einfache Hausbesitzer scheinen überfordert. Auf einem Kongress der Fachzeitschrift „Bauwelt“ in Berlin berichtete kürzlich der Architekt Matthias Sauerbruch, ein Pionier des nachhaltigen Bauens, wie schwer sich ausgerechnet die Nutzer des von ihm geplanten Umweltbundesamtes in Dessau mit der hochgerüsteten Haustechnik tun. Gerade bei diesen ökologisch besonders engagierten und motivierten Nutzern habe ihn das Ergebnis des Betriebsmonitorings „schockiert“.

Viel heiße Luft

Neun Jahre lang hatte man die Energieeffizienz des ökologischen Musterbaus ausgewertet. „Die Ergebnisse nach dem ersten Jahr waren deprimierend“, sagt Sauerbruch. „Der Energieverbrauch war doppelt so hoch wie geplant.“ Erst nach fünfjähriger Nachschulung habe man die Probleme mit der avantgardistischen Öko-Technologie im Griff gehabt.
Irgendwann, so berichtet Sauerbruch, gab sogar die teure solargestützte Kühlungsanlage ihren Dienst auf, und zum Schrecken der Belegschaft flogen plötzlich die Vakuumröhren der Solarkollektoren durch die Luft. Erst nach einer fünfjährigen Nachschulung von Mitarbeitern und Technikern durch ein „sehr engagiertes“ Facility-Management, hätten sich die energetischen Verbrauchswerte bei den ursprünglich prognostizierten Daten eingependelt. Bis dahin hatte, wie der Bundesrechnungshof feststellte, das Gebäude nicht nur viel heiße Luft, sondern auch rund 400.000 Euro pro Jahr an Betriebskosten produziert.
Sauerbruch ist erfolgreich genug, um offen auszusprechen, was viele seiner Kollegen nur hinter vorgehaltener Hand sagen: Die immer teurere und aufwendigere Technologie steht in keinem Verhältnis zum ökologischen Nutzen und ist für Bauherren, Investoren und Architekten selten mehr als imageförderndes Greenwashing. Wo entsprechende Verbrauchswerte erhoben werden, ist das Ergebnis oft erschreckend schlecht, weil die Nutzer schlicht mit der Technik überfordert sind. Viele in der Branche plädieren daher für ein Umdenken: In einer Welt immer schärferer Energiestandards sei eine Rückbesinnung auf einfache Erkenntnisse zielführender als vermeintlich smarte Hochtechnologie.

Hochglanz-Broschüren versprechen eine Menge

Dieser Meinung ist auch Eike Becker. Der Berliner Architekt glaubt: „Wie die Autoindustrie will uns auch die Bauindustrie immer komplexere und damit teurere Produkte verkaufen. Eine Unsinnsspirale, die der Gesellschaft riesige Lasten aufbürdet!“ Der Hausdesigner, der so leicht nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt, hatte vor Kurzem seinem Ärger über den Kollegen Werner Sobek Luft gemacht, dem er in seinem Blog mangelnde Selbstkritik vorwarf, nachdem er den schwäbischen Öko-Tüftler bei einem vollmundigen Vortrag über die Qualitäten seines „Energiehauses Plus“ erlebt hatte.
Dabei hatte sich zu diesem Zeitpunkt das sechs Millionen Euro teure Vorzeigeprojekt des Umweltministeriums bei Verbrauchsmessungen schon längst als Flop erwiesen. 14 Monate nach Inbetriebnahme hatte sich herausgestellt, dass das High-Tech-System, gespeist aus erneuerbarer Energie, anstelle der prognostizierten 9600 nur mickrige 900 Kilowattstunden im Jahr für seine vier Bewohner und deren zwei Elektroautos produzierte.
Dass nach Inbetriebnahme eines Gebäudes überhaupt solch ein Monitoring durchgeführt wird wie in den geschilderten Fällen, ist dabei immer noch die Ausnahme. Thomas Auer, Geschäftsführer des Energietechnik-Anbieters Transsolar, konstatiert denn auch, ihm stünden nach 25 Jahren und „Tausenden Projekten“ gerade einmal „zwei Handvoll an detaillierten Daten“ zur Verifizierung der Energieeffizienz zur Verfügung. Offenbar wollen die meisten Bauherren nach der Schlüsselübergabe lieber gar nicht so genau wissen, ob ihre Gebäude auch so umweltfreundlich sind, wie es die Hochglanz-Broschüren versprochen haben.

Lowtech ist das neue Hightech

Das Desinteresse an einer Kontrolle energetischer Daten überrascht kaum. Schließlich hat sich in der Baubranche herumgesprochen, dass in der überregulierten Welt der Energieeinsparverordnungen (EnEV) der Nutzer den größten Störfaktor darstellt. Klimatechniker Auer findet, die Gesetzgebung solle den Nutzer nicht entmündigen – schließlich mache er sowieso, was er wolle.
Messungen der TU Braunschweig zeigen, dass Gebäude mit mechanischer Lüftung meist einen höheren Primärenergiebedarf haben als natürlich gelüftete Gebäude, obwohl man vom Gegenteil ausging. Vor allem liegt das daran, dass die Nutzer häufig – trotz kontrollierter Lüftung – trotzdem die Fenster öffnen. Der Mensch verhält sich eben nicht so, wie die Technik sich das wünscht. „Vielleicht müssen wir anerkennen, dass man nicht alles regulieren kann“, so Auer. Und die EnEV spiegele nur den jeweils aktuellen Stand der Wissenschaft. „Es ist an den Bauschaffenden, Gebäude zu konstruieren, die der Mensch intuitiv richtig nutzt“, sagt er.
Eine Ansicht, der sich auch der Freiburger Architekt Günter Pfeifer anschließen kann. Das Mantra des emeritierten Professors der TU Darmstadt lautet: Lowtech ist das neue Hightech. Da smarte Technik vornehmlich im höherpreisigen Neubaubereich eine Rolle spiele, sei ihre Marktdurchdringung gering „und der Bedarf aus unserer Sicht ebenso“.

Änderung der bestehende Industrienorm?

Schließlich sind nur ein Prozent aller vorhandenen Wohnungen in Deutschland nach 2009 gebaut, während 43 Prozent aller Objekte aus den Jahren zwischen 1949 und 1978 stammen.“ Den Altbaubestand zu sanieren und auf den Stand der Technik zu bringen, stünde daher im Vordergrund. Allerdings verhinderten zurzeit noch die Komplexität und zu hohe Preise den Einsatz von smarter Öko-Technologie beim Bauen im Bestand, zumal Technik im Haus den Wertverfall beschleunige.
Außerdem lehnt Pfeifer wie viele seiner Kollegen mit ästhetischem und ökologischem Anspruch das von der EnEV geforderte Wärmedämmverbundsystem (WDVS) ab. „Wir versuchen stattdessen, mit nachhaltigen Materialien zu arbeiten, die wiederverwertbar sind. Eine Wärmedämmung aus billigem, umweltschädigendem Polystyrol, das später als Sondermüll verbrannt wird, gehört definitiv nicht dazu“, sagt er. Dass Außenwände trotz dieser Einsicht, die jüngst auf dem Berliner Bauwelt-Kongress auch von Hamburgs Stadtbaudirektor Jörn Walter mit Verve vertreten wurde, immer noch auf diese gesundheitsschädliche Weise gedämmt würden, führt Pfeifer auf einen Denkfehler der Politik zurück.
„Wir müssen unsere Häuser so stark dämmen, weil die Verordnung verlangt, die Energieverluste zu minimieren. Dabei wird übersehen, dass es auch einen anderen Weg gibt – nämlich den, die Energiegewinne zu maximieren.“ Jedes Dach und jede Wand, davon ist der Architekt überzeugt, könnten so konstruiert sein, dass sie auf einfache Art Energie aus der Luft einsammeln können, die dann ins Hausinnere geleitet wird.

Hightech-Begeisterung oder Resignation?

Hierzu sei lediglich eine Änderung der bestehenden Industrienorm (DIN) nötig, glaubt Pfeifer. „Seltsamerweise schließt dies die aktuelle DIN 18599 einfach aus, weil man offenbar vor 20 Jahren, als die DIN entstand, der Meinung war, Doppelwände seien dafür nicht kalkulierbar. Wir sind seit Beginn des 18. Jahrhunderts jeder technischen Entwicklung mit einer weiteren Technik begegnet. Aber wir haben nie die Architektur selbst bewertet.“
Wie Pfeifers Version einer energetischen Optimierung von Bestandsgebäuden aussieht, ohne dabei die Außenwände mit einer dicken, hässlichen Thermohaut zu überziehen, beweist eindrucksvoll seine Sanierung des Freiburger Gartenstadt, eines historischen Wohnviertels mit mehr als Tausend Bewohnern.
Hier sorgen etwa Luftkollektoren im Dachfirst dafür, dass solar erwärmte Luft direkt in die Räume der drei Geschosse eingeblasen wird, die Prozessenergien im Gebäude werden im Treppenhaus gesammelt und über eine Wärmerückgewinnungsanlage zurück in den Luftraum der Außenwände geleitet, dazu wurden Fenster erneuert und das Dach – unter Beibehaltung der alten Dachdeckung – wurde nachgedämmt.

Ökologischer Fußabdruck ist größer geworden

So kann die Rückbesinnung auf althergebrachte architektonische Erkenntnisse funktionieren. Und auch Matthias Sauerbruch, der als erklärter Anhänger der Moderne nicht unter Retro-Verdacht steht, hat in Zeiten des Klimawandels lernen müssen, seine ursprüngliche Hightech-Begeisterung zu überdenken.
In seinem Resümee zu 20 Jahren nachhaltigen Bauens schwang beim Bauwelt-Kongress leise Resignation mit: „Wir haben nicht nur feststellen müssen, dass unsere energetischen Vorhersagen nicht immer eintreffen, sondern auch, dass ein Großteil ihrer Wirksamkeit nicht notwendigerweise von der Planung abhängt, sondern vielmehr von den zukünftigen Nutzern.“
Dazu komme die ernüchternde Erkenntnis, dass bisher keine der Mikroinnovationen, die mit so viel Herzblut erarbeitet worden seien, die Auswirkungen einer Rohstoffe verschlingenden, die Atmosphäre verschmutzenden Gesellschaft wirklich verändert habe. Im Gegenteil – unser ökologischer Fußabdruck sei sogar größer geworden, der C02-Ausstoß steige in schöner Regelmäßigkeit und liege höher denn je.

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1 Kommentar

  1. Prof. Dr. Dagmar Everding
    Low-Tech-Bauweise – zurück zu den Eisblumen am Fenster?
    Eigentlich wuchs ich – im Gegensatz zu den Häusern meiner beiden Großeltern – in einer modernen Wohnung auf. Wir hatten ein Badezimmer und eine schöne Küche mit Einbaumöbeln. Die Etagenheizung wurde von einem Kohleofen bedient, der in der Küche stand. Der Ofen für das Warmwasser im Bad wurde mit Holz beheizt, ebenso der große Ofen in der Waschküche im Keller. Im Herbst erhielten wir 3 Tonnen Kohle. Sie lagen in einem großen Haufen neben dem Bürgersteig und wir mussten sie mit der Schubkarre zum Haus transportieren, um sie im Keller einzulagern. Im Winter wurden die Fenster von innen nass, bei hartem Frost zeigten sich Eisblumen an den Scheiben.
    In einer ganz anderen Welt wohnen wir heute. Um die Heizung kümmern wir uns an den meisten Tagen nur, um an den Thermostaten zu drehen. Warmwasser steht jederzeit zur Verfügung. Ich genieße die Grundwärme der gedämmten Wohnung sowie die Energiesparfenster, die Kälte und auch Lärm fernhalten.
    Warum wird nun gegen High-Tech und für Low-Tech-Gebäude votiert und tragen die Argumente?
    High-Tech-Gebäude sind in die Kritik geraten, weil beim Einsatz neuer Materialien und neuer Technik noch Fehler geschehen. So kommt es beim Bau repräsentativer Gebäude aufgrund der heute vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten leider teilweise zu extremen Architekturen, ohne dass weder bauphysikalische noch baubiologische Gesetzmäßigkeiten beachtet werden. Die hierdurch entstehenden Probleme müssen oft genug durch ein hohes Maß an Gebäudetechnik kompensiert werden. Das ist teuer, kompliziert und nicht nachhaltig. Dass es auch anders geht, zeigt mir das Prisma in Nürnberg, geplant vom Architekten Joachim Eble und errichtet im Jahr 1997. Der Wohn- und Gewerbehof mit einem grünen überglasten Aufenthaltsbereich befindet sich am Rand der Nürnberger Innenstadt. Nach fast 20 Jahren wirkt er heute noch wie gerade gebaut und bietet ein phantastisches Raumklima.
    Bei den Alltagsbauten von Wohnen und Gewerbe finden wir wenig High-Tech, außer man möchte eine kontrollierte Lüftung als eine solche bezeichnen. Bei Neubauten lässt sich auf diese Technik nicht verzichten, wenn man eine dichte Gebäudehülle mit geringen Wärmeverlusten erreichen will. Betrachte ich unsere moderne Lebensweise, ist es komfortabel, nicht an eine ausreichende Lüftung der Wohnung denken zu müssen.
    Wir finden relativ komplexe Energiesysteme bei aktuellen Neubauquartieren, die auf die Nutzung erneuerbarer Energien und CO-2-Neutralität setzen. Das Wärme- und Stromsystem wird miteinander verknüpft, auch Speichersysteme werden integriert, um innerhalb von Gebäuden oder bei miteinander vernetzten Gebäuden die erneuerbaren Quellen Solarstrahlung und Erdwärme bzw. Erdkühle optimal zu nutzen. Die Kombination verschiedener regenerativer Energiequellen ist notwendig, um die fossilen Energieträger möglichst vollständig zu ersetzen. Wir können technologisch nicht bei einer solaren Warmwasserbereitung als einziges regeneratives System im Wohnungsbau stehen bleiben. Für die Orte der Verknüpfungen der regenerativen Energieträger wird man noch diverse Lösungen erproben. Hier befinden wir uns in einem für unsere Zukunft wichtigen Lernprozess, bei dem wir Komplexität – vielleicht nur vorübergehend – in Kauf nehmen müssen.
    Zum Beitrag in der Welt fällt mir auf, dass dort Äpfel mit Birnen verglichen bzw. in einem Atemzug genannt werden: ein Gebäudekomplex in Dessau z.B. mit einem defekten Gasbrenner in einem EFH. Dass wir von immer mehr Elektronik umgeben sind, die bis in den PKW reicht, ist teilweise zu kritisieren, betrifft aber nicht allein die Haustechnik. Schließlich wurde das Dauerthema „WDVS“ abgefeiert: der Branche sollte es inzwischen bekannt sein, dass es neben Dämmung aus Styropor diverse andere umweltfreundliche, ökologische und schwer entflammbare Materialien gibt, die noch dazu im Sommerfall z.B. im Dach die bessere Wahl sind.
    Diverse Untersuchungen und Bewohnerberichte dokumentieren den Wohnkomfort in Niedrigstenergie-Gebäuden.

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