Familienunternehmen realisiert erstes Nullenergie-Hochhaus

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aquaTurm – Hotel in Radolfzell als Nullenergie-Hochhaus

Der Bauunternehmer Jürgen Räffle und seine Söhne Thorsten und Norman haben es geschafft: 18 Jahre nach der ersten Bleistiftskizze konnte das Hotel „aquaTurm“ in Radolfzell seinen Betrieb aufnehmen.

Was den damaligen Lehrling Norman Räffle seit Weihnachten 1999 faszinierte, erhielt 2008 durch das Umweltministerium die Einstufung als „Demonstrationsanlage der Bundesrepublik Deutschland“.

Im Gleichklang mit der ambitionierten Vision einer hohen Energie-Eigenversorgung und etwas einzigartiges zu schaffen entstand aus einem 1979 stillgelegten Wasserturm in großer Eigenleistung der Räffles ein Bauwerk, das zeigt, was findige Planung und aktuelle Bautechnik zu leisten in der Lage sind. Nach Bauzeichnerlehre und Architekturstudium konnte Norman Räffle in die Detailplanung seines anspruchsvollen Hochhauses gehen, das sogar die Wirtschaftskrise überlebte, indem die Familie eine einjährige Bauausführungs-Pause einlegte, um Kraft in weitere Ideen für die Weiterführung des ehrgeizigen Projektes zu gewinnen. Bis dahin lag eine Baugenehmigung für ein Null-Energie-Bürogebäude vor, doch Familie Räffle blieb ihrer Vision treu und konnte 2011 letztendlich die Planung ihres Hotels „aquaTurm“ voran treiben, das so viel Energie bereitstellt, als es verbraucht.

Der Wasserturm vorher

Trotz aller Förderprogramme war schon die Planungsleistung immens: bereits 2008 musste das Fundament für die neue Nutzung und aktuellen Auflagen entsprechend, gebaut werden, bis 15 m Tiefe reicht die Pfahlgründung. Dies war notwendig, weil die Stadt den Platz zu dieser Zeit um den Turm herum neu gestaltete und ein externer Termin für diese Arbeiten wäre zu aufwendig (und noch teurer) gewesen. Die technische Gestaltung der Fassade war anspruchsvoll: auf allen Seiten wurden PV-Module in CIS/CIGS-Dünnschichttechnologie angebracht, insgesamt 1.000 m² mit 69,6 kWp Leistung, um auch bei diffusem Wetter noch solare Gewinne zu erhalten. Darüber hinaus sind im Dachbereich und vor den Fenstern in der Südfassade insgesamt 54 m² Voll-Vacuum-Röhrenkollektoren angebracht. Dies klingt aufwändig, aber nicht spektakulär, hat es aber -technisch gesehen- in sich. Dazu Jürgen Räffle: „Der Turm gilt als Sonderbau, weil er mit über 50m Höhe ein Hochhaus darstellt. Hier in Radolfzell herrscht Windlast Zone 2, wegen der Seenähe, dazu Erbeben-Zone 2. Diese Bedingungen an der 1.800 m² grossen Fassade waren Grundlage spezieller Befestigungstechnologie, ebenso das notwendige Passivhaus-Niveau, das eine 24 cm starke Steinwolledämmung auf dem 55 cm Ziegelmauerwerk des Hauptturms notwendig machte. Wir haben dafür 10.000 Verbindungsmittel an der Fassade verbaut: z.B. thermisch entkoppelte Edelstahlhalter und 20 cm lange Edelstahl-Siebhülsen für die Dämmungsanbringung am alten Mauerwerk. Der neu erstellte Erschließungsturm liegt außerhalb der thermischen Hülle, wurde aber mit 10 cm Steinwolle gedämmt, um Kondensation im Innenraum auszuschließen. Ein Fassaden-Statiker hat mich mit einer Typen-Statik unterstützt, darauf habe ich Konstrutionspläne der Fassade erstellt.“

Energieautark

Auf dem Dach sorgt eine vertikale Windkraftanlage mit Darrieus H-Rotor für zusätzliche 5,5 kW Leistung. Der 5 m hohe Mast ist für Wartungsarbeiten hydraulisch absenkbar und zum Gebäude hin mit zwei passiven Systemen entkoppelt. Die Anlage verfügt durch ihr Design über eine Rotationsbegrenzung und ihr Schallpegel liegt unterhalb der Windakustik.

Auch eine Stromspeicherung mit 60 kW-Kapazität gehört zum Energiekonzept sowie ein Notstromnetz. „Alle Komponenten stammen aus Deutschland“, sagt Räffle, der sich für regionale Wertschöpfung einsetzt. Auch die speziell für ihn gefertigten Holz-Aluminium-Fenster mit Fünffach-Verglasung und thermischer Hinterlüftung stammen aus Deutschland und tragen findige Details in sich.
Seit April d. J. ist das ökologische Erlebnishotel mit 20 Zimmern in Betrieb und setzt ein Zeichen für die heutigen Möglichkeiten regenerativer und lokaler Energieerzeugung. Und wer einfach nur eine spektakuläre Aussicht auf den Ort, den Bodensee und das Alpenpanorame genießen möchte, findet im 11. Stock die Unterseelounge mit 330 Grad-Rundumblick inklusive Terrasse und Sonntagsbrunch, falls der Hotelbetrieb es an diesem Tag zulässt.
Im 12. Obergeschoss kann man in der spektakulären „Zeller Spa-Suite“ nächtigen, mit Dampfbad und Tisch, der elektrisch von der Decke herunter gelassen werden kann, oben dient er als Lampe.
Parkplätze mit Ladestation für Elektro-PKWs stehen (selbstverständlich) zur Verfügung.

www.aquaturm.de

Jörg Pfäffinger

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